Ukraine braucht 740 Millionen Euro für neuen Tschernobyl-Schutz

 Utl.: Geberkonferenz im April - Neue Abdeckung soll 100 Jahre halten
      und die US-Freiheitsstatue überragen (Von Thomas Schmidt/APA) =
   Kiew/Tschernobyl (APA) - Es ist ein ehrgeiziges technologisches Megaprojekt, das 25 Jahre nach der verheerenden Reaktorkatastrophe von Tschernobyl die Sicherheit der Atomruine für die nächsten 100 Jahre garantieren soll. Auf dem verstrahlten Gelände des Kraftwerks werden derzeit die Fundamente für eine 110 Meter hohe Schutzhülle bereitet. Sie soll über den brüchig gewordenen "Sarkophag" gestülpt werden, mit dem die Reste des am 26. April 1986 explodierten Reaktors 4 notdürftig eingehüllt wurden. Für das Großprojekt und die sichere Entsorgung von Brennstäben fehlen der Ukraine noch 740 Millionen Euro.
 
   "Das ist kein Disneyland", sagt Projektmanagement-Direktor Laurin Dodd. Während die rund 600.000 "Liquidatoren" in Sowjetzeiten unmittelbar nach der Katastrophe unter Einsatz ihres Lebens den Reaktor ummantelten, könne man heute sorgfältiger und sicherer planen. Mit einer Höhe von 110 Meter soll die neue Schutzhülle ("New Safe Confinement") sogar die amerikanische Freiheitsstatue überragen.
 
   Der Plan: Auf einem Areal von 90.000 Quadratmetern werden die einzelnen Teile zunächst zusammengesetzt und dann das ganze Konstrukt um 300 Meter über den "Sarkophag" verschoben. Die Fertigstellung ist für 2014/2015 geplant. Auch in hundert Jahren soll die Hülle nicht rosten, versichert Dodd. Ziel sei es, den zerstörten Reaktorblock schrittweise abzutragen, ohne dass Schutt und Staub nach außen gelange, nicht primär die Abschirmung vor Radioaktivität, erläutert Dodd. Im Zuge der Abbrucharbeiten werde sich die Radioaktivität über dem Reaktor etwas erhöhen. In Summe soll die neue Schutzhülle 29.000 Tonnen wiegen und über zwei Kräne verfügen. Die Arbeiten stehen unter Führung des französischen Konsortiums Novarka. Geschätzte Gesamtkosten: 1,54 Milliarden Euro.
 
   Das "größte Risiko" in Tschernobyl sei ein Zusammenbruch der bestehenden Schutzummantelung, sagt Vince Novak, Direktor für Nukleare Sicherheit bei der mit der Finanzverwaltung beauftragten Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD). Durch aufwendige Stabilisierungsarbeiten an der Westwand des "Sarkophags" habe ein solcher Unfall bisher verhindert werden können. Heute könne die Schutzummantelung auch Erdbeben überstehen, versichert er. Das Risiko einer neuerlichen nuklearen Kettenreaktion sei laut Studien "so gut wie Null".
 
   Das zweite Tschernobyl-Großprojekt ist ein sicheres Lager für abgebrannte Brennelemente, die aus den übrigen stillgelegten drei Reaktoren verbracht werden müssen. Dafür sind 285 Millionen Euro veranschlagt. Während für die Schutzhülle noch 600 Millionen Euro fehlen, benötigt das Lager noch 140 Millionen Euro. "Teil des Erbes ist auch, dass das Wissen über die Brennelemente exklusiv bei den (russischen, Anm.) Versorgern war. Die Betreiber im Kraftwerk verfügten nicht über jenes Wissen, wie man das im Westen erwarten würde", sagt Novak. Auch das neue Lager für 20.000 abgebrannte Brennstoffteile soll in den nächsten drei bis vier Jahren in Betrieb gehen.
 
   Um die Finanzierungslücke zu stopfen, will die Ukraine am 19. April - am Vorabend des 25. Jahrestages der Tschernobyl-Katastrophe - eine internationale Geberkonferenz in Kiew mit den acht größten Wirtschaftsmächten (G8), der Europäischen Union und internationalen Organisationen ausrichten. Auch UNO-Generalsekretär Ban Ki-moon wird tags darauf zu einer Tschernobyl-Gedenkkonferenz in Kiew erwartet.
 
   "Ich bin zuversichtlich in Hinblick auf den Geberprozess", sagt Jean-Paul Joulia, zuständiger Abteilungsleiter im Außenhilfsprogramm der EU-Kommission, EuropeAid. "Unser Ziel ist, dass wir den vollen Betrag erreichen. Aber wir müssen auch sehen, dass wir in in einer wirtschaftlich schwierigen Lage sind." Eine Hoffnung der Europäer ist Russland. Früher habe sich Moskau nur minimal an Sicherheitsprojekten für Tschernobyl beteiligt, "das ändert sich jetzt", sagt Joulia. Die Verhandlungen, wer wie viel zahlt, laufen noch.
 

The EBRD acts as administrator of and a contributor to the Chernobyl Shelter Fund, which was established in December 1997 by the G7 and other contributing countries to help Ukraine transform the existing Chernobyl Shelter into a safe and environmentally stable system under the Chernobyl Shelter Implementation Plan (SIP).